Es gibt Dinge, die wichtig sind und solche, die es nicht sind. Das ist in Darmstadt nicht anders als anderswo. Darmstadt hat sich nunmal als Wissenschaftsstadt positioniert, daran ist nicht zu rütteln. Und Wissenschaft hat naturgemäß mit Schulen nichts zu tun - mit Grundschulen schon gar nicht.
"Eliteuni" ist dagegen ein relevantes Stichwort. Die TU Darmstadt als Eliteuni der Zukunft wird ihre Elitestudenten der Zukunft überregional rekrutieren, europäisch und global, aber sicherlich nicht aus der geistig doch spürbar rückläufigen Schaar der "Heiner", die sich das wenige, das sie gelernt haben, auf ihrem jährlichen Namensfest erfolgreich aus den Hirnwindungen spülen. Nein, Schulen braucht Darmstadt wirklich nicht. Eher eine freischwebende Non-Stop-Trasse von "T-City" zum Flughafen mit einem solargetriebenen Transrapid der neuen Generation beispielsweise. Entwickelt in Privat-Public-Partnerschip von Eliteuni, ESA und T-Future. Da gehört Geld investiert, nicht in verfallende Grundschulen, die ohnehin nur den Nachwuchs für die städtischen Entsorgungsbetriebe generieren.
Nein, tatsächlich gehören die Darmstädter ein deutliches Stück weiter isoliert. Das hat auch die Stadtverordnetenversammlung mit knapper Mehrheit erkannt und baut jetzt eine Nordostumgehung um die Darmstädter herum. Die Kontaktvermeidungsstrategie der Stadt soll auch in den kommenden Jahren konsequent verfolgt werden. Beispiel Innenstadt: der "Heiner" an sich wird zu oft und zu auffällig auf öffentlichen Plätzen wie dem Friedensplatz angetroffen. Dieser ist ja im Grunde eine betonierte Parkhausabdeckung und bietet den Elitegästen kaum Schutz vor unerwünschten Kontakten mit dem Einheimischen. Die Stadtverordnetenversammlung hat deshalb ein Modernisierungskonzept für den Friedensplatz verabschiedet, dass durch eine besondere Anlage und ein Begrünungskonzept dieses gravierende Manko ausgleichen soll.
Konsequenterweise sollte dieses ganze marode Schulwesen in Darmstadt gestrichen und durch zukunftsorientierte Investitionen abgelöst werden. Bis es auch in Darmstadt nur noch Dinge gibt, die richtig wichtig sind. Sollen die Darmstädter doch ins Umland ziehen! Das passt nicht nur von der Mentalität her besser, die Darmstädter stehen dann auch mit ihren schäbigen Gebrauchtwagen den Investoren nicht im Blickfeld.
Phase 2: Hauptstadtsyndrom
Hand aufs Herz, liebe Stadtverordneten, träumen wir nicht alle ein bisschen von Darmstadt als der neuen hessischen Landeshauptstadt? Was ist denn schon Wiesbaden? Da sind wir doch jetzt schon knapp unter Augenhöhe.
Das neue Landgericht, uns aller Darmstadtium, das sind doch echte Meilensteine auf dem Weg zur Hessenmetropole. Wir müssten nur mutiger werden, Platz schaffen für ein paar zusätzliche repräsentative Bauten und natürlich den neuen Regierungssitz. Dieses grottenhässliche Luisenzentrum würde sich doch anbieten, um der Stadt einen neuen politischen Mittelpunkt zu geben. Ich könnte mir eine strahlende kreisrunde Glassäule á la Westhafen-Tower vorstellen. Ein bisschen höher könnte er natürlich sein. Und von da aus eine geschwungene, zweigeteilte Glasbrücke direkt zu Darmstadtium und Landgericht. Herrlich! Das spart Zeit und Wege und vermeidet so manchen unfreiwilligen Kontakt mit dem niederen Fußvolk. Und an die Finanzen denken müssen wir ja schließlich immer, meine Herren.
Vom Abgeordnetenverhalten her sind wir ja heute schon auf Bundestagsniveau. Wir beherrschen traumwandlerisch das demonstrative Zeitunglesen bei Wortbeiträgen der Opposition. Bei Bedarf können wir allein durch Zwischenrufe eine Veranstaltung sprengen. Und auch in der Vermeidung politischer Vernunft haben wir längst zu den Kollegen in Berlin aufgeschlossen.
Geben wir uns einen Ruck, meine Herren Stadtverordneten. Springen wir über unsere Schatten und leben unser Hauptstadtsyndrom endlich offen aus. Angesichts einer solchen Perspektive werden uns die Bürger so manchen Unfug sicherlich leichter verzeihen - und sei es auch die gröbste Vernachlässigung von Kindern und deren Ausbildungs- und Betreuungsstätten.
Phase 3: Ein Werbespot für Darmstadt:
- mit dem herzlichsten Dank an MasterCard -Ein Abend im Herbst. Strahlende Lichter von Autos und Straßenlaternen spiegeln sich auf der regennassen Fahrbahn. Buntes Laub auf dem Bürgersteig der Kasinostraße. Kamerafahrt von der Kreuzung Pallaswiesen-/Kasinostraße in Richtung Tegut. Ein kurzer werblicher Schwenk zur Leuchtreklame vom Burger King. Im Hintergrund wird der Tegut sichtbar. Glückliche Menschen mit Einkaufswagen schlendern durch reich gefüllte Regalreihen. Eine warme, männliche Stimme im Off:
"Abends bis um 10 im Tegut einkaufen? - Herrlich!"
Überblendung. Die glückliche Familie mit Kinderwagen spazierend auf einem romatischen Waldweg. Dazu wieder die warme, männliche Stimme im Off:
"Ein Familienausflug im Darmstädter Wald? - Entspannend!"
Überblendung. Ghettoszene in der Viktoriastraße. Die ungesunde, ausladende Atmosphäre der umzäunten Baustelle an der Goetheschule. Und wieder die warme, männliche Stimme im Off:
"Sportuntericht in der Goetheschule? - Unbezahlbar!"
Standbild mit Texteinblendung:
"Wissenschaftsstadt Darmstadt - Investors welcome!"
Phase 4: Geheimprojekt U-DA
Logbuch der Enterprise. Wir schreiben das Jahr 2021. Bei einem Kurztripp zur Erde machen wir einen Abstecher zur hessischen Landeshauptstadt Darmstadt, um das Geheimprojekt U-DA zu erkunden. Zur Tarnung benutzen wir einen volkstümlichen PKW der Marke Mercedes, ein seltsam antiquiertes Fortbewegungsmittel, das von einem Verbrennungsmotor mit Pflanzenöl angetrieben wird. Von der Autobahn aus Richtung Mainz kommend werden wir unmittelbar vor der Stadt in eine unterirdische Zone geleitet. Ein Labyrinth von Straßen, das die gesamte überirdische Innenstadtregion vom Autoverkehr früherer Zeiten befreit. Die Atemluft ist überraschend gut, da sich alle 100 Meter gewaltige Luftreinigungsanlagen auftürmen. Parallel zum Autotunnelsystem verläuft das neue U-Bahn-Netz, von einem Solarsystem entlang der ehemaligen Straßen gespeist. Es sind unzählige kleinster Personenkapseln, die in beeindruckendem Tempo auf einem Magnetfeld schwebend vorwärts gleiten. Mobilität findet hier also unter der Erde statt. Wir fragen uns, wie es heute da oben aussehen mag? Wir passieren eine Abzweigung namens "T-Tropolis" und entschließen uns, die nächste Gelegenheit zu nutzen, um das Labyrinth zu verlassen. Das ist also das Geheimprojekt U-DA. Faszinierend, was aus der guten alten Erde noch geworden ist. Die Ausfahrt heißt "Darmstadtodrom" und führt uns über einige Aufwärtsspiralen zum "Parkhaus des Friedens". Wir folgen den Hinweisen zum Darmstadtodrom und nehmen den Lift in Richtung Oberfläche. Was sich hier unseren Augen bietet, ist mehr als erstaunlich. Es ist Glas, nichts als Glas. Eine komplette Stadt aus funkelndem Glas. Gebäude, Brücken, Wege, alles aus anmutig spiegelndem, lichtgeflutetem Glas. Kein Mensch, kein Tier, kein Passant, der dieses einmalige Schauspiel der Reflexionen stört. Kein Geräusch, kein Staubkorn, nur eine göttliche Ewigkeit aus Glas. Wir sind da. Wir sind am Ziel. Wir sind angekommen in der Landeshauptstadt Darmstadt. Und wir sind durstig von der langen Reise. Beam me up Scotty!
Phase 5: Darmstadts neue Barkultur
Haben Sie es auch schon bemerkt? In Darmstadt entsteht zur Zeit eine tolle neue Bar nach der anderen. Zynicon hat die neue Barkultur für Sie unter die Lupe genommen und einige Empfehlungen vorbereitet.
Kultverdächtig ist sicherlich der in Regierungskreisen auch als "U-Bar" bezeichnete neue Politikertreffpunkt im Parkhaus unter dem Friedensplatz. Es ist der Ort, an dem sich Dezernent und Schmierfink "Gute Nacht" sagen. In der "KorrumpierBar" werden pralle Cocktails für illustre Gäste gemischt, die offensichtlich weder Hals noch Leber voll kriegen.

Reif für das Guinnessbuch dürfte die "UnfassBar" sein. Eine beeindruckende Theke erstreckt sich schier endlos entlang der geplanten Nordostumgebung. Einziger Kritikpunkt: Der Weg zur Kasse ist für manchen Gast ein bisschen weit.
Dieses Manko werden Besucher der "Schwer-Vermittel-Bar" unweit der Arbeitsagentur mit Sicherheit nicht feststellen. Der Jungendtreff ist spezialisiert auf Hochprozentiges zum kleinen Preis - ganz nach dem Geschmack der Schulabgänger von heute. Besonders die "Wodka-Flatrate" für 4,90 Euro erfreut sich großer Beliebtheit. Gerüchten zufolge sollen inzwischen auch schon erste Angestellte der Arbeitsagentur zu den Stammgästen zählen (Stichwort "Solidarsaufen").
Bleibt der Zynicon-Geheimtipp für die laufende Wintersaison, die "FinanzierBar" auf der Baustelle an der Goetheschule. Aus einem reinen "Gag" einiger engagierter Eltern, in einem alten Zelt mitten im Abrisskrater der ehemaligen Turnhalle Glühwein an die Passanten auszuschenken, ist inzwischen eine feste Einrichtung und ein beliebter Treffpunkt des Viertels geworden. Da mutet es fast schon traurig an, dass die "FinanzierBar" möglicherweise bereits in wenigen Wochen dem Baubeginn der neuen Turnhalle weichen muss. Aber Schwamm drüber: Die nächsten innovativen Bars sind sicherlich schon in Planung. Anlässe bietet Darmstadt schließlich genug.
Phase 6: Weihnachten ist die Lösung!
Ja, manchmal muss man halt kreativ werden - selbst als Politiker. In den Zeiten der Weltwirtschaftskrise allgemein und der Banken- und Automobilkrise insbesondere sind es gerade die unkonventionellen Maßnahmen, die Erfolg versprechen. Zum Beispiel Weihnachten: Verlängen wir das Fest doch einfach bis ins Frühjahr, sagen wir bis April oder Mai. Wer weiß denn schon so genau, wann der Herr Jesus nun tatsächlich die heilige Jungfrau Maria organisch verlassen hat, um unverzüglich zur Rettung der Welt anzutreten? Nehmen wir deshalb einfach mal an, es wäre so in etwa zwischen Dezember und Mai irgendwann vor Beginn unserer Zeitrechnung gewesen. Prima, das ist wissenschaftlich wahrscheinlich entschieden korrekter und gibt uns außerdem die Möglichkeit, die Binnennachfrage ganz neu zu organisieren. Jetzt und hier ein halbes Jahr Weihnachten, ein halbes Jahr Konsumrausch, ein halbes Jahr bewußtloses und von jeder Realität abgekoppeltes Dauereinkaufen, ..., da wären wir doch zumindest aus dem Gröbsten raus, oder? Weihnachten ist die Lösung, sag ich doch!
"Das ist eine blöde Idee," werden Sie jetzt sagen, "so lange Weihnachten nur wegen ein paar Prozentpunkte weniger Rezession." Aber weit gefehlt! Spielen Sie den Gedanken doch einmal konsequent weiter. Weihnachten sind die Schulen geschlossen. Pisa macht Pause. Man braucht keine Turnhallen, ja nicht einmal Lehrer. Das ist ein Paradies, da stecken Milliarden drin! Nur Kinder, Krippe, Kirche, sonst nichts, das ist doch eine Chance, und was für eine! Und wenn nach ein paar Wochen Feststimmung die naheliegenden Geschenkideen verbraucht sind, kaufen die Menschen vielleicht auch einen Insignia (für Outsider: das ist ein toller neuer Opel, der gerade zur falschen Zeit auf den Markt kommt).
Ich sag Ihnen: Weihnachten ist bei weitem noch nicht ausgereizt. Man muss nur wollen - selbst als Politiker.
- Lässt sich das noch fortsetzen? Bleiben Sie am Ball! -



Schlusslichter

